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Genovefa Meyenrose

Genovefa Meyenrose

Geboren im Jahre des Herrn 1322 zwei Tage vor dem 2. Sonntag nach Epiphanias in einem vom kalten Winterschnee verwehten, an die Seite der Pagelskirche gepressten Häusleins im matschig zertretenen Landstrich kurz vor Ende der Stadtmauer nach Osten der Stadt Hildensem hin, die jedermann nur den "Brühl" nennt. Als Mädchen von gerade mal zehn Lenzen wurde sie schon Zeugin der Weihnachtsaufstände von 1332. Die Furcht, dass das, was der Dammstadt widerfuhr, könne auch die heimische Neustadt ereilen, hat sich tief in Ihrem Selbstverständnis festgesetzt. Als sie dann 1343, bereits verheiratet, in der das Gemeinleben maßgeblich beeinflussenden Altstadt die Aufstände der Zünfte vor dem Bischof und dem Rat verfolgte, witterte sie die Chance, ihrem Mann, einem treulos-gutmütigen (manche sagten auch "naiven") Bildhauer- und Fassmalermeister aus der Ketelerstrat, in diesem Aufruhr zu mehr Einfluss zu verhelfen und so aus ihrer Angst eine Tugend z u machen. Dieser Plan verfehlte jedoch durch das stabile Eigengefüge der Neustadt seine Wirkung auf ganzer Linie. Eine große Strategin war sie nunmal noch nie. Im Winter 1348 dann, gerade als das neue Brühler Tor als Schutz gegen die übermächtig erscheinenden Altstädter fertiggestellt war und dieses weiterhin eine in Genovefas Augen unnütze Barriere zu ihrem Elternhaus darstellte, riss es den Mann mit einem Fieber dahin. Und das noch bevor das erste Kind überhaupt das Licht der Welt erblicken konnte. Seitdem ist sie nun als Meisterwitwe auf sich allein gestellt und führt die Werkstatt zunächst vorübergehend mit Herz und harter Kante, bis sich die Gilde endgültig und hoffentlich positiv zu einer Legitimation ihrer Tätigkeit äußern wird. Als Tochter der angesehenen Küsterfamilie von der Pagelskirche dürfte der Einfluss aber wohl hinreichend sein, dass der ein oder andere Taler sein Übriges tut. Nicht, dass sie nicht auch Ahnung von dem Handwerk hätte, dem sie da nun von heut auf morgen vorsteht. Hinter vorgehaltener Hand immerhin ist ihr der Respekt sicher, auch wenn das offiziell niemand zeigen kann. Eines steht für sie jedenfalls fest: Heiraten wird sie nicht nochmal. Die letzten Jahre der Freiheit schmeckten einfach zu gut.